Fussgängerverkehr - Sicherheit, Funktionalität und Komfort von Publikumsanlagen

Der zunehmende Fussverkehr und der damit notwendige Ausbau von Publikumsanlagen in Bahnhöfen, bei Grossanlässen aber auch im Strassenraum bedingt neue Empirie, bessere Planungsgrundlagen und ergänzende Methoden.

Das Verkehrswachstum führt nicht nur im Strassenverkehr zu Engpässen mit entsprechend notwendigen Ausbauten der Infrastruktur bzw. Massnahmen zur Vermeidung, Verlagerung oder Steuerung des Verkehrs. Auch im öffentlichen Personenverkehr wird auf die steigende Nachfrage mit Erweiterungen des Angebots reagiert. Neue Linien, Taktverdichtungen, grössere Gefässe sind häufig Massnahmen zur Bewältigung der zunehmenden Fahrgastzahlen, welche dann auch entsprechende Neu-, Um- und Ausbauten der Publikumsanlagen nach sich ziehen.

Meistens sind Um- und Ausbauten unter komplexen baulichen Rahmenbedingungen und gewachsenen Ansprüchen unterschiedlichster Nutzergruppen erforderlich. Neubauten "auf der grünen Wiese" sind selten, bezüglich der Planung der Anlagen für die Fussgängerströme aber nicht weniger anspruchsvoll.

Daten
Die Basis für die  Planung von Publikumsanlagen sind Daten zum Verkehrsaufkommen und den Verkehrsströmen sowie zu Kapazitäten und Betrieb der Anlagen und des Rollmaterials. Zählungen und Messungen sind manuell oder mit entsprechenden Geräten beziehungsweise Sensoren heute problemlos möglich. Diese Verfahren liefern zuverlässig und richtungsgetrennt die Anzahl Passanten an Querschnitten. Die Ströme, das heisst wie viele Passanten rechts oder links abgebogen oder geradeaus gegangen sind, können manuell wie auch mit Sensoren nur bedingt (situationsspezifisch) bestimmt werden. Die Angabe zu den Quell-/Ziel-Beziehungen und den zurückgelegten Routen ist nur durch eine Befragung zu erheben. In Teilen können solche Angaben heute aus mitgeführten Geräten (z.B. via Bluetooth) geschätzt werden. Eine repräsentative Aussage ist nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Damit sind die Schwierigkeiten einer Abbildung des aktuellen Geschehens grob aufgezeigt.

Modelle
Für Planungen ist zudem hauptsächlich das zukünftige Verkehrsgeschehen und Verkehrsverhalten von Interesse. Dazu werden entsprechende Vorhersagetechniken (häufig Verkehrsmodelle) eingesetzt. Auf Basis von Daten zur Bevölkerung, zur Mobilität, zum Verkehrsverhalten und zum Angebot (Infrastrukturen) werden Modelle geschätzt. Diese nutzen die Prognostizierbarkeit der Eingangsdaten (Bevölkerung z.B. über Sterbe- und Geburtenraten / sehr vereinfacht) um die Verkehrsnachfrage in den nächsten 10 bis 20 Jahren zu berechnen (schätzen). Mit weiteren Modellen, oder auch kombinierten Modellansätzen, werden die Quelle-Ziel-Beziehungen, die Anteile der Verkehrsmittelnutzung und die Wegewahl berechnet (geschätzt). Output solcher Modelle sind Verkehrsmengen und Wegbeziehungen je nach Verkehrsmittel und in unterschiedlichen Szenarien zukünftiger Entwicklungen.

Methoden
Ist die Datengrundlage geschaffen und soll das Angebot verändert werden, also Anlagen neu-, um- oder ausgebaut werden (und keine Massnahmen zur Minderung oder Vermeidung, Verlagerung, Lenkung oder Steuerung der Nachfrage ergriffen werden), kann die Dimensionierung der Anlagen vorgenommen werden. Aufgrund der hohen Komplexität und gegenseitiger Beeinflussungen ist eine Grobdimensionierung bereits früh in eine interdisziplinäre Planung einzubinden. Die Dimensionen der Anlagen haben teilweise starke Einflüsse auf das Layout, die räumliche Lage der Anlage, die Zugänglichkeit, die Erreichbarkeit und vieles mehr.

Dimensionierung
Bei der Dimensionierung ist zunächst die Einhaltung der Mindestanforderungen aus den Normen (bzw. im Bahnverkehr zusätzlich der AB-EBV) nachzuweisen. Die Dimensionierung besteht aber nicht in der Einhaltung von Mindestmassen, sondern ist entsprechend des zukünftig zu erwartenden Verkehrsaufkommens vorzunehmen. Dazu werden die Anlagen unter Verwendung von Qualitätsstufen, den so genannten Level of Services, geplant. In Anlehnung an den Strassenverkehr hat sich dieses Vorgehen auch im Fussverkehr etabliert. Die unterschiedlichen Level zwischen A und F beschreiben die Qualität einer Anlage. Kennwerte sind der spezifische Verkehrsfluss und/oder die Personendichte. Die Prüfung der Leistungsfähigkeit für einen definierten maximalen Belastungszustand anhand des Auslastungsgrades der Anlage bleibt unabhängig davon erforderlich.

Simulation
Vor allem in hoch belasteten Anlagen (z.B. Bahnhöfen) kann eine mikroskopische Simulation der Fussverkehre aufgrund der Berücksichtigung der dynamischen Aspekte des Verhaltens wertvolle Hinweise auf mögliche Schwachpunkte beziehungsweise Engpässe der Anlagen liefern. Die anschaulichen 3D-Simulationen verleiten teilweise zur Vorführung eines scheinbar realen Verhaltens. Die Simulationen sind dabei nur so gut wie der Dateninput und abhängig davon, ob das Verhalten realitätsnah abgebildet wird. Die Optik der Ergebnisse täuscht nicht selten über den fachlichen Mangel von Planungen bzw. Simulationen hinweg.

Unbestritten ist der Wert der Simulationen bei der Vermittlung von Ergebnissen für den fachunkundigen Betrachter, welcher häufig mit rein quantitativen Aussagen in Form von Kennwerten ungeübt ist.

Nachweise zu Sicherheit, Funktionalität und Komfort von Publikumsanlagen (im Bahnverkehr) basieren auf:

  • definierten Verhaltensparametern
  • der Definition von Lastfällen
  • definierten Gefährdungsbildern
  • der Berechnung von Kennwerten und deren Beurteilung anhand von Grenzwerten
  • der Beurteilung der Leistungsfähigkeit von Anlagen
  • der Beurteilung der Qualität von Anlagen (Level of Service)
     

Planungseffizienz
Fussgängerverkehre wurden in der Vergangenheit eher pauschal und selten gleichwertig bei der Planung von Verkehrsinfrastrukturen beachtet. Diese sind jedoch heute häufig layoutbestimmend und massgebend für Verkehre bezüglich der Dimensionierung von Anlagen, bei Grossveranstaltungen und auch im städtischen Raum mit wesentlichem Einfluss auf die Gestaltungsmöglichkeiten von Infrastrukturen. Ein frühzeitiger Einbezug erster Dimensionierungsüberlegungen in die Planung von Anlagen – vor allem auch an der Schnittstelle öffentlicher Verkehr und Stadtraum – ermöglicht die Berücksichtigung der speziellen Anforderungen und mindert die Gefahren von Nachbesserungen und aufwendigen Überarbeitungen bereits geplanter Anlagen.

Trotz der enormen Fortschritte bei Sensoren, Methoden, Modellen und Simulationssoftware ist fundiertes Fachwissen unumgänglich und gerade bei der Beschäftigung mit den zunehmenden Anforderungen und demgegenüber abnehmenden Planungsfreiheiten (aufgrund des Anstiegs der Komplexität und der eingeschränkten Platzverhältnisse) von hoher Bedeutung im Sinne einer zukunftsfähigen Gestaltung der Infrastrukturen.

Bildlegende

Abbildung 1: Zukunft Bahnhof Bern: geplante Publikumsanlagen

Abbildung 2: ÖV-Hub Fiesch: Simulation alle Verkehrsteilnehmer

Abbildung 3: Zukunft Bahnhof Bern: Simulation geplanter Ausgang Bubenberg und Situation Hirschengraben

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Autor/en
Guido Rindsfüser