Auswirkungen von Corona auf das Bauen und das Betreiben von Gebäuden

Plexiglas an jedem Empfang, Lifte mit Hinweisen zur maximalen Personenzahl, Abstandsstreifen an jeder Tür oder gesperrte Sitzungszimmer – wer kennt das nicht? Alltag mit den Lockerungen nach den strengen Beschränkungen während der Corona-Krise. Doch was bleibt? Wann kommt die nächste Welle? Oder ist nun alles vorbei und wir kehren in einigen Wochen zu einem Alltag wie vor der Krise zurück? Fragen, die aktuell nicht beantwortet werden können, aber massgeblichen Einfluss auf unsere Arbeit und unser Leben haben.

Die vergangenen Wochen haben auch gezeigt, welche Formen der Zusammenarbeit gut funktionieren, mitunter sogar Effizienzsteigerungen bringen. Und es wurde klar, wo die Einschränkungen negative Auswirkungen haben. Doch was bedeutet diese Thematik für das Bauen und das Betreiben von Gebäuden?

Aus unserer Sicht ergeben sich zwei grundlegende Fragestellungen:

  1. Welche zusätzlichen Anforderungen sind bei der zukünftigen Planung und Realisierung von Gebäuden zu berücksichtigen?
  2. Wie flexibel muss ein Gebäude auf mögliche zukünftige Pandemieszenarien im Betrieb reagieren können?

Die Antworten hängen vom Kontext ab (Neubau, Bauen im Bestand, Gebäudenutzung usw.). Einige generelle Überlegungen dazu erläutern wir im Folgenden.

Nutzung der Gebäude
Mit der Krise haben alternative, digital basierte Formen der Zusammenarbeit ihre Alltagstauglichkeit bewiesen. Homeoffice mit Kommunikation über Videokonferenzen und kollaboratives Arbeiten in Cloud-Umgebungen haben sich etabliert. Allerdings gehen wir davon aus, dass klassische Arbeitsplätze in Büroumgebungen nicht vollständig ersetzt werden. Im Gegenteil werden Face-to-Face-Meetings je nach Themenstellung einen höheren Stellenwert erhalten.

Die aktuellen Trends der Arbeitsplatzgestaltung mit dicht belegten Grossraumbüros werden den neuen Anforderungen nicht gerecht. Die neuen Abstandsregeln führen dazu, dass die Anzahl Arbeitsplätze pro Flächeneinheit sich ungefähr halbiert.

Kurzfristig kann mit dem Stellen mobiler Wände oder dem Sperren jedes zweiten Arbeitsplatzes reagiert werden. Dies ist jedoch sowohl ästhetisch als auch für das Arbeitsklima eine wenig befriedigende Lösung. Zudem lassen sich die Stellwände nicht überall integrieren und sie können unter anderem Schwierigkeiten in den Bereichen Brandschutz, Akustik, Tageslicht und Sicht ins Freie mit sich bringen. Wir erwarten, dass sich langfristig die Dichte der Belegung von Grossraum- und Gruppenbüros ändern wird. An zukunftsfähigen Bürokonzepten, welche sich auch im Pandemieszenario bewähren, wird daher intensiv gearbeitet.

Ebenfalls anspruchsvoll wird die Anforderungserfüllung bei Sitzungszimmern. Diese sollen die erhöhten technischen Anforderungen an die Multimediatechnik erfüllen (Videokonferenzsysteme, performante Systeme, welche auch grosse Datenmengen verarbeiten). Zusätzlich sind z.B. Fragen zur Zugänglichkeit des Raums (Eingang/Ausgang getrennt) und zum grosszügigen Flächenbedarf zu klären. Sicher ist es von Vorteil, möglichst viele Räume zur Verfügung zu haben, deren Grösse über mobile Trennwandsysteme variiert werden kann.

Neben diesen Flächen für die persönliche Begegnung sollten künftig mehr Flächen für Online-Meetings eingeplant werden (z.B. Phoneboxen). Der Einsatz von klassischen Thinktanks (z.B. 4 m2 Fläche für einen Tisch für 2 bis 4 Personen) wird überdacht werden müssen, da in solchen die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden öffentliche Bereiche (Meet & Talk, Cafeteria, Sanitäranlagen usw.). Hier kommen neben dem Platzbedarf zusätzliche Anforderungen an die maximale Personenanzahl und Hygiene hinzu. Hier sollten z.B. technisch integrierte Lösungen zur Personenzählung und Bereitstellung von Desinfektionsmitteln vorgesehen werden. Die heute geläufigen Lösungen wie aufgestellte Schilder und Desinfektionsmittel auf Tischen erfüllen weder die Anforderungen an einen effizienten Betrieb, noch genügen sie architektonischen und brandschutztechnischen Anforderungen. Auf IoT-Technologie basierende Systeme können eine kosteneffiziente Option sein.

Aktuell werden oft einfachste Lösungen hastig installiert. Erweiterungen bestehender Gebäudeautomationssysteme bzw. die nachhaltige Nutzung neuer Technologien können einen wirtschaftlichen Betrieb und funktionalen Mehrwert ermöglichen (z.B. Personentracking nicht nur zur Anzahlkontrolle, sondern auch für Wegleitung im Gebäude, Raumreservierung und Auswertung von Personenflüssen, Optimierung der Gebäudelogistik und Reinigung). Auch sollte geprüft werden, wie lokale Systeme mit übergreifenden Informationssystemen verknüpft werden können (z.B. Swiss-Covid-App).

Fragestellungen:

  • Platzbedarf der Personen in Grossraumflächen
  • Anpassungen von Sitzpositionen und Layout der Möblierung
  • Anzahl abgrenzbarer Flächen für Videokonferenz u.Ä.
  • Anzahl und Grösse von Sitzungszimmern
  • Ausstattung der Sitzungszimmer (feste Installationen, mobile Lösungen)
  • Flexibilität der Grösse von Sitzungszimmern
  • Anzahl und Kapazität von Meet&Talk-Bereichen
  • Anzahl und Kapazität von Sanitärbereichen. Möglichkeiten der Abtrennung.
  • Zugänglichkeit zu den Flächen, Möglichkeiten der Separierung

Als weiterer Punkt sind die Verkehrsflächen zu betrachten. Lifte dürfen aufgrund der räumlichen Enge nur noch von wenigen Personen gleichzeitig genutzt werden. Bauliche Massnahmen sind ausgeschlossen. Hier sollten u.U. Anpassungen in der Liftsteuerung geprüft werden. Die Nutzung von Treppenhäusern wird wichtiger. Für physisch eingeschränkte Personen ist dies schwierig. Zudem bringt auch hier die räumliche Enge Herausforderungen mit sich (z.B. Treppenhäuser für Weg nach oben und nach unten separieren). Auch verfügen Treppenhäuser heute oft nicht über geeignete technische Anlagen, um für ausreichenden Luftaustausch zu sorgen. Hier kann z.B. die angepasste Funktion von Rauchabzugsanlagen helfen, wenn sie technisch umsetzbar ist.

Optimale Gebäudetechnik
Neben den beschriebenen baulichen Anforderungen werden auch erhöhte Anforderungen an die klimatische Versorgung gestellt. Umluftsysteme (UML) können Viren und Keime in den Flächen verteilen. Falls UML ausschliesslich zur Kühlung eingesetzt werden, erhöhen effektive Filtersysteme die Kosten signifikant, sodass alternative Lösungen wie z.B. die Kühlung mit statischen Systemen wie Kühldecken im Vergleich attraktiver werden.

Einen grösseren Stellenwert erhalten aussenluftbasierte Systeme. Hier sollte man bei der Auslegung auf eine sinnvolle Maximierung der Aussenluftmengen achten. Eine übermässige Erhöhung der Aussenluftmenge führt aber nicht nur zu unnötigen Energiekosten, sondern kann auch die geltenden Richtlinien zum Energieeinsatz verletzen. Es gilt, mit Augenmass eine Lösung zu definieren, welche ein gesundes Raumklima garantiert und Zugluft vermeidet. Weiter sollten sinnvolle Funktionen wie z.B. Luftspülungen in der Regelung vorgesehen werden.

Aktuelle Untersuchungen legen einen Einfluss der Luftfeuchtigkeit auf die Lebensfähigkeit von Viren nahe. Systeme zur Regelung der Luftfeuchtigkeit sind energie- und kostenintensiv und können bei unsachgemässer Installation und Wartung grosse Hygieneprobleme verursachen (z.B. Legionellen, Verkeimung). Deswegen raten wir aktuell davon ab, alle Klimaanlagen zwingend mit Befeuchtungssystemen auszurüsten. Es ist aber sinnvoll, bei Neuinstallationen zumindest die Möglichkeit zur Nachrüstung vorzusehen. Werden Befeuchtungssysteme installiert, sollte auch der Einsatz von Systemen zur Sicherstellung der Hygieneanforderungen vorgesehen werden (z.B. keimtötende Systeme wie UV-Licht). Zudem sind Hygienemassnahmen während der Instandhaltung zu definieren. Auch kann u.U. eine lokale Lösung für Gebäudebereiche sinnvoller sein als die zentrale Befeuchtung der gesamten Frischluft.

Fragestellungen:

  • Platzbedarf in den Flächen
  • Kapazität und Leistungsreserven der technischen Systeme
  • Ausbaustand Anpassbarkeit MSRL und Leittechnik
  • Verknüpfung konventioneller Gebäudeautomation und neuer Technologien (IoT)
  • Einbezug der Nutzer in Anzeige und Bedienung

Gebäudebetrieb
Neben diesen Fragen bei der Planung und Realisierung wird auch der Betrieb vor neue Herausforderungen gestellt. Zu den normalen Aufgaben der Instandhaltung kommen die Desinfizierung und das Wiederauffüllen von Hygienematerial hinzu. Wenn diese Tätigkeiten unter dem Gesichtspunkt «Predictive Maintenance» ausgeführt werden (nur dort etwas tun, wo notwendig), können Ressourcen eingespart werden. In der Branche werden diesbezüglich aktuell verschiedenste Anwendungsfälle getestet (z.B. Reinigung). Können hier Anwendungsfälle kombiniert werden, ist der Effizienzgewinn grösser.

Die Mitarbeitenden im Gebäude müssen auf die bestehenden Einschränkungen hingewiesen werden. Dazu kommen z.B. Wegleitungen, Zutrittssignale etc. IoT-Lösungen können eine effiziente Art der Kommunikation mit den Nutzern darstellen, vor allem auch, weil sie schnell an sich ändernde Bedingungen angepasst werden können.

Grosse Beachtung sollte auch der Wiederinbetriebnahme und dem Teillastbetrieb der Gebäude mit den Lockerungen geschenkt werden. Sanitär- und Lüftungsanlagen haben seit Wochen stillgestanden oder sind nur mit Minimallast betrieben worden. Verkeimungen, Undichtigkeiten etc. können die Folge sein. Die Betriebsteams benötigen mitunter zusätzliche Unterstützung, um die erforderlichen Massnahmen zu identifizieren und neben ihren normalen Tätigkeiten mit einzuplanen. Schliesslich sind Anlagensteuerungen anzupassen, um den geänderten Nutzungsbedingungen in den Gebäuden gerecht zu werden (z.B. Zeitschaltprogramme, Stellwerte, Betriebsparameter).

Fragestellungen:

  • Überprüfung Betriebskonzept (die Instandhaltung ist Teil dieses Konzeptes)
  • Schulung der Mitarbeiter
  • Durchführung von Hygieneinspektionen in festgelegten Intervallen
  • Prüfung der Einführung neuer technischer Systeme

Wir können helfen
Die aufgeführten Beispiele zeigen, dass eine Vielzahl an zusätzlichen Fragestellungen berücksichtigt werden muss. Auch sind die Themen bei detaillierter Betrachtung komplexer als erwartet. Oft ist es einfach, die erstbeste und pragmatischste Lösung umzusetzen, da Termindruck und Erwartungshaltung hoch sind. Dies verhindert aber unter Umständen nachhaltige und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen, die einem integralen Ansatz folgen.

Emch+Berger kann Sie mit interdisziplinären Teams aus den Bereichen Büroplanung, Gebäudetechnik, Betrieb und Facility Management bei der Erarbeitung bedarfsgerechter Konzepte unterstützen – getreu unserem Motto «Gesamtlösungen sind unser Plus».

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Autor/en
Bruno Dober
Emch+Berger ImmoConsult AG
Kirsten McMahon
Emch+Berger ImmoConsult AG
Olaf Mittrach
Emch+Berger ImmoConsult AG
Stephan Möller
Emch+Berger ImmoConsult AG
Marco Spenger
Emch+Berger ImmoConsult AG