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Autor/en
Beat Brunner
Umweltingenieur FH
Fachverantwortlicher Naturgefahren, Projektleiter
Emch+Berger AG Bern, Niederlassung Spiez
vCard
19.03.2021

Notmassnahmen Spitze Stei Kandersteg

Am «Spitze Stei» oberhalb von Kandersteg ist in den kommenden Jahren mit grösseren Felsstürzen sowie Bergstürzen zu rechnen. Aus diesen Ablagerungen werden Murgänge und Hochwasser erwartet, die bis ins Dorf fliessen können. Zum Schutz des Siedlungsgebiets von Kandersteg wurde als Notmassnahme innerhalb von acht Monaten ein System von Dämmen und ein Geschiebeablagerungsplatz erstellt. Wir waren verantwortlich für die Gesamtprojektleitung, die Planung der Massnahmen sowie die Bauleitung.

Die Bergflanke «Spitze Stei» oberhalb des Oeschinensees in Kandersteg ist in Bewegung. Der markanten Felsformation ist im Dezember 2019 die Spitze abgebrochen. Innerhalb eines Jahres wurden an einzelnen Punkten Verschiebungen von über 6 Metern beobachtet. Deshalb werden in den nächsten Jahren Fels- und Bergstürze erwartet. Die Verlagerung dieses Sturzmaterials durch Murgänge oder Hochwasserereignisse kann in Kandersteg zu Überschwemmungen und Geschiebeablagerungen führen. Eine Prognose zu stellen, wann und wie grosse Ereignisse auftreten können, ist schwierig, auch wenn ein starker Bezug zu Temperaturen und Niederschlägen ersichtlich ist.

Im November 2019 wurde mit der Beurteilung der Gefahrensituation hinsichtlich Murganggefährdung begonnen und im Verlauf des Winters wurden die Szenarien festgelegt. Das Spektrum an möglichen Ereignisabläufen ist gross. Diese reichen von kleineren Murgangereignissen von einigen 10 000 m3 Geschiebe bis zu sehr grossen Ereignissen, welche mit Schutzmassnahmen nicht verhindert werden können. Parallel dazu haben wir Massnahmen entworfen, um Kandersteg vor häufigen respektive wahrscheinlichen Szenarien (Murgänge bis ca. 100 000 m3 pro Ereignis) zu schützen.

Bereits im Februar 2020 wurden erste Rodungsarbeiten durchgeführt, ab März 2020 folgte die Schüttung des Rückhaltedammes im Öschiwald. Dabei wurde aus dem Oeschibach Geschiebe entnommen und so ein grosser Ablagerungsraum für Murgänge und Geschiebe geschaffen. Gleichzeitig wurden im Gebiet Zilfuri, ca. 1 km oberhalb des Geschiebeablagerungsplatzes, punktuelle Strassenanpassungen und Mauererhöhungen zur Beseitigung von bekannten Schwachstellen vorgenommen. In einem nächsten Schritt wurde der Leitdamm Zilfuri projektiert und ab Juni 2020 gebaut. Die Aufgabe dieses Dammes ist es, Murgänge in das Gerinne des Oeschibachs zurückzuleiten und damit die Häuser auf der rechten Seite des Bachs zu schützen. Für den Damm Zilfuri sind 35 000 m3 Geschiebe und über 6 000 t Blöcke verbaut. Um den Damm möglichst gut vor Murgängen zu schützen, wurden Blöcke mit einem Gewicht von 4 bis 5 t verwendet und mit Stahlseilen verbunden.

Im Frühsommer 2020 hat die Planung sowie Ausschreibung der Dämme rund um den Geschiebeablagerungsplatz begonnen, ab Mitte September 2020 erfolgte die Ausführung der Arbeiten. Per Anfang Dezember 2020 waren alle Arbeiten für die Notmassnahmen der ersten Etappe abgeschlossen. Dabei sind ca. 90 000 m3 Material und 24 000 t Steinblöcke verbaut worden. Die Baukosten 2020 belaufen sich auf ca. 3.65 Mio. Franken. Sämtliche Massnahmen am Oeschibach erfolgten im Notrecht; eine Bewilligung in Form eines nachgelagerten Wasserbauplans für die bereits erstellten Massnahmen wird im Frühling 2021 erarbeitet.

2021 werden weitere Arbeiten ausgeführt. Sobald weiteres Geschiebe im Geschiebeablagerungsplatz abgelagert wird, müssen die Dämme Öschiwald und Zilfuri sowie diejenigen entlang des Geschiebeablagerungsplatzes weiter erhöht werden.

Wir waren als Gesamtprojektleiter, Planer und Bauleiter verantwortlich für die Gesamtkoordination zwischen allen Fachpersonen, Amtsstellen und der Schwellenkorporation Kandersteg als wasserbaupflichtiges Gemeindeorgan. Alle Massnahmen wurden von uns geplant und bei der Ausführung begleitet.

Die besonderen Herausforderungen waren die rollende Planung, die sich während der Projektierung verändernden Rahmenbedingungen und der grosse Zeitdruck. Dank der engen Zusammenarbeit zwischen den Murgangexperten, den kantonalen Fachstellen, der Schwellenkorporation Kandersteg und den Eigentümern konnten diese Massnahmen in so kurzer Zeit umgesetzt werden.

Video Notmassnahmen Spitze Stei Kandersteg

Luftaufnahmen: © Mario Hari