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Auteur/s
Thomas Burkard
Brandschutzexperte mit eidg. Diplom
Fachverantwortlicher Brandschutz
Emch+Berger AG Bern
vCard
Karmen Korenic
Dipl. Ingenieurin der technischen Sicherheit
Projektingenieurin Brandschutz
Emch+Berger AG Bern
vCard
19.03.2021

Massgeschneiderte Brandschutzlösung für den Campus Hertenstein, Weggis

Auf der Halbinsel Hertenstein am Vierwaldstättersee wurde zwischen 2017 und 2020 der Neubau bzw. die Erweiterung des Campus Hotels mit Rehaklinik sowie mehrerer Wohngebäude und Personalhäuser (Campus Dorf) realisiert. Es handelte sich um ein komplexes Bauvorhaben mit vielen Schnittstellen zum Bestand. Die etappierte Inbetriebnahme Ende 2020 wurde vor allem durch Covid-19 erschwert. Wir durften die Brandschutzplanung in den SIA Phasen 31 bis 53 inkl. Durchführung der integralen Tests Brandfallsteuerung in diesem spannenden Projekt übernehmen. Zudem waren wir als Behördenvertretung tätig.

Gesundheitsbauten mit Personalhäusern und -wohnungen am Vierwaldstättersee
Das 1864 erbaute Campus Hotel Hertenstein befindet sich auf der Halbinsel Hertenstein in Weggis am Vierwaldstättersee. Die letzte Renovation fand im Jahr 2013 statt. 2017 wurde mit der Planung der Erweiterung bzw. des Neubaus der Rehaklinik Cereneo sowie des Campus Dorfs begonnen. Das Bauvorhaben umfasste den Neubau des Rehazentrums, einer dreigeschossigen Tiefgarage sowie im Bereich des Campus Dorfs von zwei Doppel-, zwei Mehrfamilien- und zwei Personalhäusern mit Hotelnutzung. Im angrenzenden Hotel wurden umfassende Sanierungsarbeiten durchgeführt.

Das neue Rehabilitationszentrum, welches ausgezeichnete Neurorehabilitation in einer modernen Umgebung mit direkter Anbindung an das Campus Hotel Hertenstein bietet, ist mit 23 Einzelzimmern ausgestattet und hat einen direkten Zugang zum See. Verborgen in der Erde ist die ästhetische, dreistöckige Tiefgarage, welche ca. 150 Parkplätze bietet. Die Architektur für die Rehaklinik Cereneo und das Campus Dorf stammt vom renommierten Luzerner Architekturbüro Marques Architekten. Marti Gesamtleistungen führte das Projekt als Generalunternehmerin aus. Wir durften ein massgeschneidertes Brandschutzkonzept erstellen.

Neubau Rehaklinik und Tiefgarage
Unsere Brandschutzplaner durften Bauherrschaft, Architekten, Planer, Unternehmer und Spezialisten von der Phase Vorprojekt bis zur Inbetriebnahme und Übergabe an die Bauherrschaft unterstützen und begleiten. Schon in der ersten Planungsphase zeichneten sich verschiedene besondere Herausforderungen ab.

Wie der Name Hertenstein ahnen lässt, ist das Hotel auf Fels gebaut. Insbesondere für die Rehaklinik musste dieser aufwendig abgetragen werden. Weil sich das Projekt in der Nähe der Uferzone und des Waldes befindet, mussten die Aushubarbeiten auf ein Minimum beschränkt werden.

Eine erste Herausforderung bezüglich Brandschutz war die dreigeschossige Tiefgarage. Nach den geltenden Brandschutzvorschriften ist diese auf Grund der zusammenhängenden Brandabschnittsfläche mit einer maschinellen Rauch- und Wärmeabzugsanlage zu versehen. Infolge der geringen Etagenhöhe und des fehlenden Platzes für die Entrauchungskanäle musste eine bauliche, technische Alternative gesucht werden. Die Tiefgarage wurde mit einem zusätzlichen brandfallgesteuerten Brandschutztor unterteilt und mit einer Sprinkleranlage versehen. Damit konnte auf die maschinelle Rauch- und Wärmeabzugsanlage verzichtet werden. Da die Raumhöhe für die Installation der Sprinkleranlage ebenfalls zu gering war, wurden die Sprinklerleitungen nach Rücksprache mit den Behörden in die Betondecke eingelegt.

Treppenanlagen von Gebäude mit drei und mehr Untergeschossen müssen seit 2015 mit einer Spüllüftung versehen werden. Für die Tiefgarage war also eine solche nötig. Trotz Platzmangel konnte der Ventilator auf der Eingangsebene untergebracht werden. Da die maximal zulässige Fluchtweglänge auf allen drei Geschossen der Tiefgarage überschritten wurden, musste ein zweiter unabhängiger Flucht- und Rettungsweg geschaffen werden. Die sechs freistehenden Gebäude des Campus Dorfs sind unterirdisch mit der Tiefgarage verbunden. Diese Verbindung bot sich als zusätzlicher Flucht- und Rettungsweg an.

In den drei Obergeschossen des Rehazentrums sind Patientenzimmer untergebracht. Im Dachgeschoss befinden sich ein Innen- und ein Aussenbereich für Therapien sowie eine Gastroküche. Das Rehazentrum gilt im Sinne der Brandschutzvorschriften als Beherbergungsbetrieb Typ [a]. Die Patienten können sich im Ereignisfall in der Regel nicht selbst in Sicherheit bringen, sondern sind auf fremde Hilfe angewiesen. Es gelten verschärfte Brandschutzvorschriften. Für die horizontale Verschiebung wurden die Bettengeschosse des Rehazentrums mittels brandfallgesteuerten Brandschutztoren unterteilt, was es im Falle eines Ereignisses erlaubt, die Patienten geschossweise zu verschieben.

Neubau Campus Dorf
Das Campus Dorf besteht aus zwei Doppeleinfamilienhäusern, zwei Mehrfamilienhäusern und einem Haus für das Personal mit Studios und einem mit acht Wohneinheiten. Diese sechs freistehenden Gebäude werden unter anderem durch einen unteririschen Korridor erschlossen und sind mit der Rehaklinik verbunden. Kurz vor der Übergabe an die Bauherrschaft kam der Wunsch auf, die beiden Personalhäuser auch für die Hotelgäste zugänglich zu machen. Glücklicherweise wurden grundlegende Brandschutzmassnahmen wie die Installation einer Sicherheitsbeleuchtung und einer Brandmeldeanlage sowie die Entrauchung der Treppenhäuser bereits umgesetzt, sodass die kurzfristige Umnutzung durch die Behörde freigegeben werden konnte.

Campus Hotel
Eingriffe in das bestehende Hotel waren nicht vorgesehen. Es zeichnete sich jedoch im Rahmen der Projektentwicklung in Zusammenhang mit der Rehaklinik ab, dass im Westflügel des Hotels eine neue Raumaufteilung erforderlich war mit Behandlungsräumen, einem Raum für Magnetresonanztomographie sowie einem Therapiebad. Auch der Mehrzwecksaal wurde optimiert. Der Ostflügel mit den Gästezimmern und dem Restaurantbereich wurde nur einer sanften Renovation unterzogen. Dieser Bereich war nicht Bestandteil des Auftrages, seine Brandfallsteuerungen mussten jedoch aufgrund der verschiedenen Eingriffe in die bestehende Bausubstanz anlässlich eines zusätzlichen integralen Tests umfassend geprüft werden.

Etappenweise Inbetriebnahme und Übergabe an die Bauherrschaft
Im Verlauf des Jahres 2019 zeichnete sich ab, dass nicht alle Bauten wie ursprünglich geplant im Frühjahr 2020 der Bauherrschaft übergeben werden konnten. Aufgrund der umfassenden baulichen Eingriffe im Westflügel des Hotels musste für die erste Bauübergabe ein integraler Test durchgeführt werden, welcher verschiedene Mängel aufzeigte. Je nach Brandort wurden unterschiedliche Brandfallsteuerungen aktiviert. Diese selektive Steuerung ist komplex und sollte nur geplant werden, wenn sie zwingend nötig ist. Im vorliegenden Fall war der Grund für die selektive Steuerung nicht ersichtlich und viele brandschutztechnische Anlagen funktionierten im Bestand nicht wie erwünscht. Zusammen mit der Bauherrschaft wurde deshalb kurzfristig beschlossen, das Hotel neu kollektiv anzusteuern. Bei einer Branddetektion im Gebäude werden somit alle Brandfallsteuerungen aktiviert. In Kombination mit weiteren Massnahmen konnten die Mängel betreffend Brandfallsteuerung so behoben werden. Das gesamte Hotel ohne Rehaklinik und Campus Dorf konnte noch im Frühjahr 2020 der Bauerschaft übergeben werden.

Aufgrund mangelnder Parkierungsmöglichkeiten im Aussenbereich musste die Tiefgarage ebenfalls frühzeitig freigeben werden, obwohl sich die Rehaklinik noch im Bau befand. In guter Zusammenarbeit mit der zuständigen Behörde wurden Lösungen erarbeitet, damit die Tiefgarage für Autos und als Baulager genutzt werden konnte. Im Sommer wurden die sechs Gebäude des Campus Dorfes der Bauherrschaft übergeben.

Im Herbst 2020 wurden auch die Bauarbeiten in der Rehaklinik abgeschlossen und die integralen Tests für die Brandfallsteuerung durchgeführt. Mitte Oktober 2020 nahm die Rehaklinik Cereneo ihren Betrieb auf. Im Dezember 2020 fand unter strengen Auflagen im Zusammenhang mit Covid-19 erfolgreich die offizielle Abnahme statt.

Fazit
Durch die enge Zusammenarbeit zwischen Bauherrschaft, Architekten und Planern sowie den frühzeitigen Einbezug unserer Brandschutzplaner konnten optimale Lösungen für den Brandschutz gefunden werden. Durch die vorausschauende Planung war es problemlos möglich, für die ursprünglich für eine reine Wohnnutzung geplanten Gebäude eine Hotelnutzung zu ermöglichen. Zudem hat sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, den Schnittstellen zu bestehenden Gebäuden genügend Beachtung zu schenken sowie den Grundsatz, Brandfallsteuerungen möglichst einfach zu halten, konsequent umzusetzen.